Die emotionale Seite von Hilfsmitteln: Umgang mit Scham und Frustration
Heute mag ich dir von einer Erfahrung berichten, die meine Sicht auf Hilfsmittel und den Umgang damit sehr verändert hat. Diese Erfahrung hat im Wesentlichen dazu beigetragen, dass ich Hilfsmittel viel selbstverständlicher im Alltag in der Öffentlichkeit nutze und mich gestärkt damit fühle. Ganz unabhängig davon, wie andere Menschen darauf reagieren. Doch das war nicht immer so. Und vielleicht ist es bei dir gerade auch noch nicht so.
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Fühlst du manchmal Scham, wenn du dein Hilfsmittel benutzt? Sei es zu Hause oder auch in der Öffentlichkeit?
Kennst du das Gefühl, im Supermarkt „im Weg“ zu stehen oder angeschaut zu werden?
Gibt es Momente, in denen du dein Hilfsmittel am liebsten verstecken würdest?
Gibt es Situationen, in denen du wütend auf dich selbst bist, weil dein Körper nicht mehr kann?
Ich kenne solche Gefühle und möchte heute deshalb ein Thema aufgreifen, über das nicht oft gesprochen wird: über Scham, Frustration und viele andere Gefühle, die im Umgang mit der Nutzung von jeder möglichen Art von Hilfsgerät und Unterstützung aufkommen können. Denn ich habe auch unterschiedliche Hilfsmittel zu Hause und auch in der Öffentlichkeit benutzt und nutze sie teils noch immer. Diese Folge ist für dich, wenn du dich mit deinem Hilfsmittel manchmal unwohl fühlst und dich nach mehr Selbstvertrauen und innerer Stärke im Alltag sehnst.
✨ Deshalb mag ich heute auch folgende sehr persönliche Geschichte mit dir teilen:
Ich saß längere Zeit im Rollstuhl und nutzte öffentliche Verkehrsmittel, um täglich zum Rehabilitationszentrum zu gelangen. Auf dem Weg dorthin erlebte ich ganz unterschiedliche Situationen, die mich emotional sehr herausgefordert haben.
Im Bus stellte ich mich auf den dafür vorgesehenen Platz für Rollstühle und frühmorgens um 7 war der Bus schon sehr voll. Nach und nach stiegen immer mehr Leute ein und es war täglich so, dass nicht genügend Platz vorhanden war. Die Gänge standen voll und die Leute quetschten sich herein. Ich fiel schon sehr auf mit dem Rollstuhl, denn es war die Ausnahme, dass dieser Rollstuhlplatz auch tatsächlich von einem Rollstuhlfahrer benutzt wurde. Die Leute stiegen also in den Bus und reagierten dementsprechend, als sie mich sahen. Oft kam es auch dazu, dass Leute nicht einsteigen konnten, weil niemand mehr rein passte.
Ich fühlte mich damals sehr unwohl und schämte mich, den Rollstuhl nutzen zu müssen und den anderen Fahrgästen damit auch den Stehbereich im Bus „wegzunehmen“. Dadurch, dass ich da stand, konnten viel weniger Menschen in den Bus einsteigen und dies löste damals Scham und großes Unwohlsein in mir aus. Obwohl ich ja, wie jeder andere auch, mit dem Bus fahren wollte und einfach nur da war. Ich wollte unsichtbar sein, mir die Decke über den Kopf ziehen, denn diese Aufmerksamkeit war mir seeeehr unangenehm.
🌿 Hattest du schon mal eine Situation, in der du gedacht hast: „Ich möchte gar nicht auffallen? Am liebsten wäre ich unsichtbar!“
Die Busfahrten fühlen sich für mich, wie eine Last an. Einige Fahrgäste lächelten freundlich und grüßten mich. Viele schauten jedoch verlegen weg und warfen mir fragende und mitleidende Blicke zu. Andere verdrehten ihre Augen oder seufzten, weil sie eingequetscht dastanden und sich nicht bewegen konnten. Viele waren verärgert, weil sie nicht mehr in den Bus einsteigen konnten und schauten genervt zu mir rüber. All diese Reaktionen führten dazu, dass ich noch unsicherer wurde und mich niedergeschlagen fühlte.
🌿 Fühlst du dich manchmal unwohl, durch die Reaktionen der anderen?
Einige Fahrgäste stützten sich sogar auf mir oder meinem Rollstuhl ab und achteten nicht darauf, dass ihre Taschen mein Gesicht rammten. Ich hatte keine Kraft, mich aufzuregen, weil die starken Schmerzen, die schlaflosen Nächte und die Reha mich sehr forderten.
Ich teile diese Erfahrungen mit dir, weil ich wirklich glaube, dass du dir etwas davon für deinen Alltag mitnehmen kannst, auch wenn du noch nie eine solche Situation erlebt hast. Ich möchte dir gleich erläutern, was mich dazu gebracht hat, besser mit dieser Situation umzugehen und diese Last nicht weiter zu tragen.
Ich teile dieses Beispiel auch so ausführlich mit dir, weil es sehr gut aufzeigt, wie selbstwirksam wir alle sind und wir uns dessen oft nicht bewusst sind.
Ich hatte auch noch andere Situationen, die diese Busfahrten mit sich brachten: Ich konnte nicht einfach so in den Bus über die Rampe ein- und aussteigen, sondern benötigte die Unterstützung des Fahrers oder der Fahrerin. Es frustrierte mich sehr, dies nicht selbständig erledigen zu können. Ich wollte das alleine schaffen. Doch die Rampe war sehr steil und zu schmal, so dass es unmöglich war, da alleine hochzukommen.
Mich hat auch einmal ein Busfahrer nicht mitgenommen. Ich habe ihn um Unterstützung beim Einsteigen gebeten und er hat mir diese verweigert. Ich musste also dastehen und zuschauen, wie die Türen des Busses sich schlossen. Die Mitfahrenden sahen mich fragend an und ich musste dann auf den nächsten Bus warten. Ich fühlte mich hilflos und schämte mich auch zum Teil.
✨ Es ließ mir jedoch keine Ruhe und ich dachte: „Es kann doch nicht sein, dass ich mich täglich so schlecht fühle und angespannt bin, wenn ich auf den Bus angewiesen bin.“
Mir wurde in dem Zusammenhang klar, dass ich mich teilweise völlig ausgeliefert und hilflos fühlte. Mir wurde aber auch bewusst, dass meine Ausstrahlung, meine Art und Weise, wie ich bin und wie ich mich zeige, sich auch auf mein Umfeld auswirkt. Ich gehe gleich noch mehr darauf ein. Ich entschied mich dann, vom nächsten Tag an mit einer anderen Einstellung in den Bus zu steigen, denn folgendes wurde mir klar:
Ich brauche mich nicht unwohl zu fühlen, wenn ich mit dem Rollstuhl mehr Platz im Bus in Anspruch nehme.
Jeder Mensch hat das Recht auf Unterstützung und der Busfahrer ist verpflichtet, mir beim Ein- und Aussteigen über die Rampe zu helfen. Das ist mein Recht und sollte selbstverständlich sein.
Ich brauche mich nicht für meinen Rollstuhl zu schämen.
Ich entschied mich also, es ganz anders anzugehen und ging folgendermaßen vor:
Ich lächelte die Fahrgäste beim Einsteigen an und begrüßte sie freundlich.
Wenn jemand seine Tasche oder seinen Rucksack auf Augenhöhe trug und ich mich wegdrehen musste, um zu verhindern, dass sie mein Gesicht berührt, habe ich die Person freundlich angesprochen und darauf hingewiesen, dass sie mit der Tasche gegen mein Gesicht stößt.
Wenn jemand sich an mir selbst, also an meiner Schulter oder den Schiebegriffen des Rollstuhls, abgestützt hat, habe auch ich diese Person freundlich darauf angesprochen.
Ich bat die Busfahrerin, mich beim Aussteigen mit der Rampe zu unterstützen, weil ich es alleine nicht schaffen konnte. Ich erklärte ihr, dass ich sonst wieder zurückfahren müsste und meine Rehabilitation nicht wahrnehmen könnte.
Ich gab mir Mühe, offener auf die anderen zuzugehen, unabhängig davon, wie sie mir entgegentraten. Ich übte dies Stück für Stück und je mehr ich übte, desto mehr bemerkte ich, wie selbstbewusster ich wurde. Das sah man auch an meiner Körperhaltung, denn diese veränderte sich zunehmend. Es kostete mich immer wieder seeehr viel Überwindung und es war auch echt kein Zuckerschlecken, das immer wieder zu machen. Ich gab jedoch nicht auf und merkte schnell, wie einige Leute anders auf mich reagierten und das motivierte mich, weiterzumachen.
Ich wollte mich nicht aufregen und streiten, andere Leute anschnauzen, um mein Recht einzufordern oder auf meine Grenzen hinzuweisen. Das war nicht meine Art. Ich wollte, dass diese Menschen ein Bewusstsein dafür bekommen und klar erkennen, was ihr Verhalten für eine Konsequenz für mich hat.
Die Leute reagierten sehr unterschiedlich:
Einige lächelten zurück und begrüßten mich auch. Andere schauten verlegen weg.
Beim Einsteigen an den Haltestellen beobachtete ich, dass einige Fahrgäste am Vortag noch geseufzt hatten und nun entweder verlegen lächelten oder mich auch begrüßten.
Einige entschuldigten sich auch für ihr Verhalten und schienen verlegen.
Ich nahm es auch nicht persönlich, wenn jemand meinen Gruß nicht erwiderte.
Ich lernte die Menschen zu schätzen, die mir sehr entgegenkamen und mit denen ich ein kurzes Gespräch führen konnte. Jeden Morgen war da sogar ein Mann, der mich nach dem Einsteigen fragte, ob ich die kostenlose Tageszeitung von der Bushaltestelle lesen wolle. Das war wirklich nett von ihm und man merkte, dass er sich immer Mühe gab. Richtig schön.
Die ganze Busfahrt entwickelte sich dadurch sehr positiv und ehrlich gesagt konnte ich es am Anfang kaum glauben. Ich hätte nie gedacht, dass mein Verhalten so einen Einfluss auf die Menschen um mich herum haben könnte, ich war richtig erstaunt. Und selbst wenn mal wieder eine schwierigere Situation auftauchte, konnte ich viel gelassener damit umgehen.
Je offener ich mit meinem Rollstuhl umging und je mehr ich ihn als selbstverständlich akzeptierte, desto mehr veränderte sich auch mein Umfeld. Meine Haltung hatte Wirkung und das tat mir unglaublich gut. Ich fühlte mich leichter, wohler und freier beim Busfahren. Es war keine Last mehr, sondern etwas Selbstverständliches. Diese Erfahrung war für mich unglaublich wertvoll.
🌿 Wie sieht dein Alltag aus?
Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht oder Situationen erlebt, in denen es dir genauso ging?
Mein Rat an dich als systemische Coachin und auch als Betroffene: Schau dir diese Situationen an. Entweder allein oder hol dir Unterstützung.
Hör dir diese Folge gerne noch einmal an oder lies dir den passenden Blogbeitrag dazu auf meiner Webseite durch. Schreib dir die Fragen heraus und arbeite sie Schritt für Schritt durch:
Schau, in welchen Situationen du dich unwohl fühlst. Wo empfindest du Scham?
Kennst du das Gefühl, frustriert zu sein von der Situation und den Umständen?
In welchen Situationen fühlst du es? Sind es immer wieder die gleichen? Wer ist dabei?
Gerne kann ich auch tiefer mit dir in eine solche Situation eintauchen und schauen, wie du ganz konkret damit umgehen kannst. Melde dich bei mir über den Link in den Shownotes, indem du dir ein Erstgespräch mit mir vereinbarst.
Ich hoffe, diese sehr persönliche Erfahrung ist eine Inspiration für dich, Situationen, denen du in deinem Alltag begegnest, aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Folge unterstützt dich dabei, ähnliche Situationen so anzugehen, dass du deine Stärke findest und deine Selbstwirksamkeit wieder mehr Raum bekommt.
Bist du selbst nicht betroffen, sondern deine Schwester, Freundin, Tochter oder Bekannte? Wenn es dir schwerfällt, zu sehen, wie sie im Alltag kämpft, dann erzähl ihr von dieser Folge oder schaut gemeinsam auf meiner Webseite vorbei, denn oft fällt der erste Schritt am schwersten.
Hör dir auch gerne meine andere Folge zu den Hilfsmitteln an, die ich bereits aufgenommen habe: Warum Hilfsmittel dich nicht schwächen, sondern stärken.
Darin erzähle ich, wie schwer es damals für mich war, Hilfsmittel anzunehmen und sie auch als wahre Unterstützung zu feiern. Ich lernte Hilfsmittel wirklich zu schätzen, weil ich dadurch viel mehr Lebensqualität zurückgewonnen habe. Hör gerne rein, wenn du tiefer in das Thema eintauchen möchtest.
Ich freue mich sehr, dass du heute zugehört hast und dir selbst diesen Raum nimmst. Ich freue mich, wenn du nächstes Mal wieder einschaltest. Und bis dahin: Lass uns gemeinsam Lichtblicke sammeln. ✨
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